Neues Modell oder neue Blüte – des Zusammenspiels zwischen Mensch, Geist und Natur?

…oder Beispiel ist ja immer schon entweder (oder auch zugleich?) ein ‚Beispiel von…‘ und ein ‚Beispiel für…‘, zu etwas, auf das es erst hinführt. An einer Stelle unseres ersten Rendezvous de la Durabilité auf lokaler resp. „kommunaler“ Ebene sprach ich davon, dass das, was mit der wieder zu neuem Leben erwachten Kasbah Caid Ali begonnen wurde, ein Modell – oder ein Musterbeispiel – werden könnte (für das, was vielleicht, eines Tages, in eine echte „nachhaltige und schöpferische Entwicklung“ münden könnte). Auf unserem ersten Treffen konnte ich es nur ansprechen; hier, an diesem ‚Ort‘ der Fortsetzung unserer Begegnung, kann ich ergänzen, was ich damit sagen wollte. – Einen gemachten Anfang gemeinsam fortzusetzen ist vielleicht die erste Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung.

Als gelernter Philosoph, der die Geschichte der Metaphysik studiert hat, noch dazu in Deutschland, möchte ich mit der Vorbemerkung beginnen, dass es mit einem „Modell“ – oder einem „Beispiel“ – immer so eine Sache ist. In Deutschland kennt jeder das Sprichwort (das wir, weil es Wahres sagt, bezeichnender-weise auch „geflügeltes Wort“ nennen): ‚ein jedes Ding hat zwei Seiten!‘ (wie eine Tür oder ein Tor; eine Seite nach ‚innen‘, eine nach ‚außen‘, nach vorne und zurück). Für das Modell gilt dies soz. in beispielhafter Weise. Denn jedes einzelne Modell präsentiert und verwirklicht es eine Idee, einen Begriff oder ein Konzept (dann steht es „exemplarisch“ für etwas allgemein Bekanntes oder Anerkanntes; dann ist es ein konkreter, einzelner Fall  v o n  dieser allgemeinen Regel, der als solcher von dieser Regel her erkannt und wahrgenommen wird). Im zweiten Fall – auf der anderen Seite des Beispiels, an seinem anderen Ende – enthält eine einzelne konkrete Begebenheit bereits in sich selbst soz. das Muster oder die Struktur  z u  einer möglichen, neuen resp. zukünftigen und jetzt nur noch nicht bekannten allgemein-gültigen Regel, dann wird eine einzelne wirkliche Begebenheit selbst wahrgenommen als „paradigmatischer“, d.h. mustergültiger Fall, als heuristisches Indiz bzw. „Beispiel zu…“ einer noch zu entdeckenden bzw. neu zu formulierenden Regel.

In unseren Tagen wird viel geredet von den sogenannten „good practice“-Beispielen; worin aber besteht das Gute, Modellhafte, das zur Übertragung auf andere Orte und Strukturen befähigende und berechtigende Wertvolle eines jeweilig und je-örtlich guten Beispiels? Um sagen zu können, worin das (wirklich) Gute einer „guten Praxis“ besteht, dazu muss man immer schon und in gewisser Weise gleichzeitig in zwei Richtungen antworten können. Mit dem guten Beispiel oder der guten Praxis ist es deshalb so wie mit der guten Politik: sie muss ihre beiden Enden sowohl zusammen als auch auseinander halten können.

Schon der erzdeutsche Philosoph Immanuel Kant, der in der Geschichte der Metaphysik bereits als (Transzendental-)Rationalist galt, weil er die Vernunft einseitig gegenüber der Natur-Empfindung bevorzugte, beschrieb den grundsätzlichen Zusammenhang der beiden Seiten oder Enden (Ideen/Begriffe und Materie bzw. Geist und Natur) mit den berühmt gewordenen Worten: „Bloße Anschauungen (Affektionen / Empfindungen / Impressionen / Empathien /…) ohne Begriffe sind blind; ebenso wie umgekehrt bloße Begriffe ohne Anschauungen leer sind“, ohne Inhalt, ohne Sinn, tot.

»Gute Beispiele« (be-)zeugen Trefflichkeiten, d.h.: ver-orten resp. er-örtern die Momente und Orte, an denen „Nachhaltigkeit“ als jener Zusammen- und Auseinander-Halt (deren Ursprung und Quelle deshalb vor allem eine Haltung ist) sich zu entfalten vermag, an denen die Zusammenspiele zwischen Geist, Mensch und Natur sich er-eignen und zu-stande kommen können. [Diese neuen/alten Zusammenspiele versuchen wir heute mittels des Begriffs der „Nachhaltigkeit“ wieder neu zu bezeichnen und zu verstehen.]

Was die Entwicklungs-Politik des Westens angeht, so galt als Grundlage ihrer Rechtfertigung/Legitimation noch bis vor kurzem ein hierarchisches Ordnungsmodell. Nach ihm wurde die Welt eingeteilt in die „1., 2. (bzw. die Schwellenländer) und die 3. Welt“ (sowie die problematischen beratungs- bzw. entwicklungs-resistenten Regionen); nach seinem Bild wurde Entwicklung durchgeführt und gestaltet. Seine Entscheidungs-Kriterien – wer zu welcher Welt gehörte und welche Mittel geeignet waren zur Gestaltung und Durchführung von Entwicklung – welche „Beispiele“ die guten waren -waren im Wesentlichen a) der auf einer linear gedachten Zeitachse abbildbare Stand der technisch-industriellen Entwicklung (diese imaginerte Linie ist bereits ein kultur-prägendes- bzw. -tragendes – zwei Seiten! –  „Modell“, ein „Beispiel zu…“), b) das rein quantitativ (als „BIP“) gemessene Wirtschaftswachstum, sowie c) im sozialen Bereich die demokratische Staats-Verfassung. Noch in den zur Jahrtausendwende von den UN (franz.: ONU) vereinbarten „Millenium Development Goals“ dominierte jenes Modell/Paradigma. Mit den Ressourcen-, Umwelt- und Finanz-Krisen des Westens hat sich inzwischen Entscheidendes geändert und wir beginnen zu begreifen, dass unsere Modelle, Paradigmen, vielleicht auch das Leitbild der westlichen Zivilisation insgesamt, möglicherweise systematisch (gerade in „systemtheoretischer“ Betrachtung) zu kurz greifen, zumindest dass sie nicht mehr hinreichen, jene Zusammenspiele zwischen Mensch und Mensch, Geist und Natur zu gewährleisten.

Auf der anderen Seite, im Maghreb, insbesondre in den klimatisch und geologisch nicht gerade begünstigten Regionen und in Marokko vor allem südlich und östlich des Hohen Atlas waren die „Marabout“ – wie ich inzwischen gelernt habe – im Zusammenhang der Bemühungen um die Gewährleistung jener Zusammenspiele von außerordentlich wichtiger Bedeutung. Schließlich galten sie als die Hüter der kulturellen Tradition und in Zusammenhang damit als die Hüter der Gemeinschaft – zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch, Geist und Natur.

Mohar, ein hochrangiger Mitarbeiter der deutschen „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“, den ich einen Tag nach unserem RdlD zufällig beim Frühstück traf, freute sich über mein Interesse für die Marabout. Er sagte: für ihn wäre „das Ziel erreicht, wenn es uns gelänge, die traditionelle Bedeutung der Marabout wieder herzustellen“ (in seinen Augen sei der Einfluss Saudi-Arabiens in den Zaouias zu stark geworden). Von ihnen könnten wir, die wir – aus unserer Geschichte – gelernt haben, die säkulare, irdische Sphäre mit ihren Partikular-Interessen von der umfassenden mit ihren ganzheitlichen Orientierungen scharf voneinander zu unterscheiden — als ob man Himmel und Erde (Uranus und Gaia), Morgen und Abend… voneinander trennen könnte — einiges lernen.

Als ich versuchte M’Barek Ait El Caid davon zu erzählen – leider ohne die Übersetzungskünste von Nadja -, sowie von den seit geraumer Zeit in allen wichtigen inter- und transnationalen Gremien der UN stattfindenden teils spektakulären Debatten zur Neuausrichtung der Entwicklungspolitik, davon, dass ‚der Westen‘ die Bedeutung der Kulturen, zumal der indigenen und der „ganzheitlichen“, spirituellen und religiösen Orientierungen im Zusammenhang nachhaltiger Entwicklungen zu erkennen und sich deshalb für die traditionellen Mittler zu interessieren beginnt…, fixierte er mich eindringlich und fragte: „Pourquoi intervenire?“ – Wenn ich halbwegs verstanden habe, nehme ich an, meinte er zweierlei: 1) wenn es zutreffen sollte, dass die „erste, hochentwickelte Welt“ endlich – hamdullilah – die Bedeutung einer ganzheitlichen Orientierung im Zusammenhang nachhaltiger Entwicklungen anerkennen sollte, warum wollte man dann eingreifen, wo solche Strukturen – noch – intakt sind? — 2) wenn sich aber doch nur wieder die alten westlichen (macht- und rechthabenden) Meinungsführer, die kalten Kriegs- und nicht etwa Zusammen-Spiel-Theoretiker in der Debatte um die zukunftsfähige Entwicklung durchsetzen sollten –…?

Pourquoi intervenire?

Die Frage ist berechtigt, solange die Entwicklungspolitik des Westens in ihrem alten linear-hierarchischen Paradigma gefangen bleibt. Falls es aber zutreffen sollte – so wie es mein Eindruck ist -, dass sich bereits Entscheidendes geändert hat, dann haben wir gerade hier, am Fuße des Atlas, nicht nur die Chance, sondern auch die Verpflichtung, uns nach denen umzuschauen, die etwas davon verstehen, Menschen zusammen und auseinander zu halten.

Der Mythos von dem, der das irdene und das himmlische Gewölbe sowohl auseinander als auch zusammenhalten konnte, erzählt von der hohen Kunst des Respekts. Für die Alten, die diese Geschichte zu erzählen und ihre Bedeutung zu erinnern wussten, war es die Geschichte, der Mythos, vom Atlas.

Allein der Schauplatz dieses Mythos und seiner Weisheit zu sein, könnte sich als ein echtes Kapital herausstellen im Sinne des Vermögens „nachhaltiger Entwicklung“. Dies war der Grund, warum ich von den „Chantiers d’Atlas“ als ein möglicher Titel unseres möglichen Gemeinschafts-Projekts sprach.

Weil wir ein gutes Beispiel geben könnten

Die von Agdz möglicherweise ausgehenden Atlas-Werkstätten könnten so etwas werden wie ein Muster-Beispiel, ein Modell für eine Neue Inter-nationale und inter-kulturelle „Politik der Freundschaft“ – im großen wie im kleinen Ganzen – und für die Reanimation, Revitalisation einer Architektur der Zusammenspiele, die die Gegensätze zusammen und auseinander zu halten vermag. Für einen entsprechenden Paradigmenwechsel in den Entwicklungs-Politiken sprechen mehr als nur ein paar vage Tendenzen. Zumindest in den Gremien der UN, die sich dezidiert mit den Fragen zukunfts-fähiger, „nachhaltiger Entwicklungen“ beschäftigen, gibt es bereits ein eindeutiges Commitment, dass wir eine Politik der Vielfalt und gleichwohl hinreichenden Gemeinsamkeit der Menschen brauchen, die sich die Erde teilen als gemeinsamen Lebensraum. — Stichwort „good practice“: Kant bezeichnete das Beispiel als Vehikel der Vernunft (bzw. der theoretischen und praktischen Urteilskraft). Tatsächlich ist es als gute Praxis immer schon der Ort der trefflichen Begegnung von Theorie und Praxis, Geist und Natur, Nord und Süd,…

Ein echtes treffliches Modell/Beispiel ist ja – wie ein januanisches Tor – [deduktiv und induktiv zugleich], von innen nach außen weisend und umgekehrt, vorwärts blickend in die Zukunft und gleichzeitig zurück blickend auf die Vergangenheit, die Geschichte, die Kultur. Um es beginnen und (nachhaltig und schöpferisch) fortführen zu können, braucht es, glaube und denke ich, lediglich ein ‚unverdorbenes Herz‘ und/oder ‚Weisheit‘ (durch „gute Praxis“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung„). Für Norbert Jung, einer der neuen Theoretiker der „circles of sustainability in Deutschland, ist „Kultur die Weisheit der (die ‚Beispiele von… und zur‘) Gemeinschaft“.

(Autor: Norbert Dennig)