Historische Bautechnik in Marokko – Ein Eindruck von Manfred Fahnert

Ich beschäftige mich seit 1970 mir neuen Formen in der Architektur, dem sozialen Miteinander, dem Umgang der Menschen in einer humanen, respektvollen und friedlichen Gesellschaft. Mein Lebensweg und handwerkliche Ausbildung machen mich zu einem Spezialisten für Erde und Holz. In unzähligen Projekten habe ich gelernt was Architektur für den Menschen real bedeutet. Meine Mitstreiter und ich haben immer wieder versucht das Leben durch unsere Arbeit lebenswerter zu machen. Uns ging es nicht nur um die Arbeit selbst sondern auch um das Miteinander.

Seit 1997 arbeite ich in Asslim bei der Familie Ait el Caid mit mittlerweile über 300 Handwerkern, Architekte483862_353541574767070_1986482233_nn, Ingenieuren und vielen Laien an dem Erhalt eines historischen Gebäudes. Es ist die Geschichte einer Begegnung mit einer ganz wichtigen Botschaft geworden. Sie übersteigt das Verständnis der einzelnen Kulturen. Und bringt im Ergebnis erstaunliches zu Tage.

Bei uns in Deutschland haben wir eine lange Geschichte der Kultur des Lehmbaus. Sie reicht in die Ursprünge der Besiedlung zurück, und ist somit mehr als 3-4000 Jahre alt. Auch umspannt diese Architektur die ganze Erde. Alle alten Kulturen bauten mit Erde ihre Häuser. Jeder auf seine Art und Weise. In den letzten 30-40 Jahren ist eine Unmenge an „modernen“ Baustoffen auf den Markt gekommen. Letztendlich habe ich gelernt, dass all diese Stoffe in den traditionellen Bauweisen zu Schäden führen. Ich halte Vorträge auf Symposien/ Kongressen und Tagungen über dieses Problem.

Doch was hat dieses mit der marokkanischen Architektur zu tun? Und ihrem Zerfall?

Als ich 1997 zum ersten Mal nach Marokko kam, durfte ich eine Lehmarchitektur erleben, die mir ganz fern war. Stampflehmgebäude gibt es nur ganz selten in Europa. Ich hatte das Gefühl, das sich die Zeit zurück dreht. Die historischen Städte wie Fez, Marrakesch, die Straße der Kasbahs wurden für mich Vorbilder für mein Tun und Schaffen. Einzig allein durch ihre Natürlichkeit. Die Inspiration, die ich dort erlebte, setzte ich in den folgenden Jahren in meiner Heimat in meine Arbeit um. Ich war begeistert von der Schlichtheit und Gradlinigkeit. Ich glaube dass es dasselbe Gefühl ist, wie ein Tourist es erlebt, wenn er durch diese Kulturlandschaft reist. Es erzeugt diese positive Spannung, die alle zu Hause erzählen und was ihnen in Erinnerung bleibt. Es ist die klare Form der naturnahen Architektur, das ursprüngliche Material und die Menschen mit ihren traditionellen Sitten und Gebräuchen die darin leben.

In den folgenden Jahren arbeitete ich dort jeweils vier Wochen im Jahr mit Menschen aus Europa, Afrika, Amerika, Australien und Japan an dieser Kasbah der Familie Ait el Caid.

269319_352136721574222_92649445_nStudenten, Professoren, Künstler und Hausfrauen aus allen sozialen Schichten und Kulturen spürten diese Notwendigkeit dort Hand anzulegen. Es wurde für mich ein unglaublicher Prozess der mein Leben veränderte. Ich wurde von Sidi Ahmed adoptiert, die Familie nahm mich in ihre Mitte und wir lernten die alten Lehmbauweisen von Maalem M’Barek und bauten mit Fleiß und Mühe ein marokkanisches Kulturgut auf welches im Laufe der Entwicklung zu einem Nationalmonument in die Liste der historisch bedeutenden Gebäude in Marokko aufgenommen wurde.

Dies ist aber nicht die einzige Geschichte die mein Leben beeinflusste. Auch in meiner Heimat hatte das Bauen mit Lehm und anderen natürlichen Materialien eine Entwicklung genommen, die mir zeigt dass wir einen richtigen Weg beschreiten. Lehm ist mittlerweile nicht nur ein ökologischer Baustoff, er ist weit mehr. Durch diese doch recht unterschiedlichen Welten Europa und Südmarokko, die Auseinandersetzung mit den immer wieder neuen Protagonisten erweiterten mir den Horizont für eine menschenwürdige Umgangsform.

Heute kann ich sagen was fachlich falsch in einer Bauweise ist. Doch ausschlaggebend ist letztendlich der Mensch, in seiner Region, in seiner Kultur, das Gefüge der Zusammenarbeit und der Möglichkeiten die wir real zur Hand haben.

In den letzten Jahren lernte ich die Geschichte dieser Menschen im Draatal in ihrem Alltag. Die Bedeutung der Sippe, der Großfamilie. Für mich als Europäer eine ganz neue Dimension der Familie. Ich lerne, das es nicht wichtig ist, die Architektur zu erhalten, sondern die Struktur der Familie, den Zusammenhalt, die Systeme für den Umgang miteinander. Letztendlich gehört die Architektur dazu, doch ist sie nicht vordergründig. Die Raumaufteilung der öffentliche Bereiche, Privatsphäre, Küche und Hamam sind in der südmarokkanischen Kultur anders aufgeteilt als in meiner Kultur. Dadurch finde ich sie erhaltenswert, ja sogar schützenswert. Es ist ein Weltkulturerbe.

Was bleibt ist meine Befürchtung, dass die Lehmarchitektur in Südmarokko verfällt. Vor meinem geistigen Szenario werden die historischen Städte in Kürze zu einem Haufen Erde werden. Es sind dringend Schritte notwendig um dem entgegenzuwirken. Es ist für mich so, als wenn mein Kind krank ist. Doch sehe ich Möglichkeiten dieses zu ändern. Deshalb wende ich mich an die Verantwortlichen mit der Bitte zu einer freundschaftlichen Auseinandersetzung zu diesem Problem. Gemeinsam mit allen Verantwortlichen sind wir in der Lage die Zukunft sinnvoll und positiv zu gestalten. Für unsere, Familien, Kinder, Kultur und auch für die Erhaltung der Natur auf unserem Planeten.

Manfred Fahnert