Am Flughafen Marrakech…

…kurz vor meiner Abreise nach Deutschland, 20.07.2013

Safi, Chokran  (arabisch für: passt so, danke) wird mir fehlen. Beim Bezahlen spreche ich das letzte Mal die Worte, die mir in den letzten Wochen so vertraut geworden sind, bevor es wieder nach Deutschland geht.

Ich laufe ziellos durch die Terminals und beobachte die Menschen um mich herum. Es sind hauptsächlich Touristen in schicken Klamotten, überdrehten Kleidchen, knappen Röckchen, bunten Shorts, in gebräunter oder geröteter Haut, mit schicken Handtäschen unterm Arm und fast durchweg haben sie grimmige Gesichtsausdrücke. Wenn sie lächeln, ist es kein echtes Lächeln. Wenn sie lachen, hört es sich falsch an. Die Stimmen sind laut, die Stimmung angespannt, jeder will der Erste sein. Diese Touris kommen aus den verschiedensten Ecken Marokkos. Viele machen nur einen Kurztripp nach Marrakech, der In-City, in der man mal gewesen sein muss. Andere fahren zum Surfen an die Küste, oder unternehmen einen exotischen Ausflug in die Wüste… einmal Kamelreiten bitte!

Wenn ich diese Menschen hier sehe, kommen mir Gesichter ins Gedächtnis, die ich in den letzten zweieinhalb Wochen auf meiner Reise durch Marokko gesehen habe. Glückliche, zufriedene Menschen. Menschen mit echtem Lächeln, mit warmherzigen Blicken, mit purer Freude in ihrer Stimme. Da ist die Frau in diesem kleinen Ort nahe Taroudannt mit ihren zwei Kindern. Sie strahlt mich an, nimmt mich bei der Hand, lädt uns zum Essen ein. Einfach so, aus Menschenfreude, aus Nächstenliebe. Nächstenliebe ist auch im Islam verankert und für jeden Muslim verbindlich. Ähnlich wie im Christentum, nur vergessen wir es häufig. Diese Frau bietet mir zu essen an, obwohl sie selbst kaum genug für ihre Familie hat. Ich bin mir sicher, wäre ich zum Essen geblieben, wäre es ein Festmahl geworden. Wir können uns nicht verständigen, aber wir sprechen mit unseren Herzen.

Es kommen mir weitere Gesichter ins Gedächtnis: zum Beispiel das von Fatima aus Tarmigte, Ouarzazate. Sie ist Vorsitzende einer Frauenkooperative und verdient ihr Geld hauptsächlich mit Kunsthandwerk. Sie knüpft Teppiche, fertigt Skulpturen an, näht Kleider. DSCN1574Sie ist fleißig, engagiert sich in einem Verein zur Förderung von Frauen und Kindern im Dorf. Auch sie spricht kein Französisch. Sie strahlt, schenkt mir einen Teppich und einen geflochtenen Korb. Vielleicht bin ich nun in der Pflicht, ihr zu helfen. Vielleicht war es nur ein Geschenk. Sie strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Ihre Kinder schauen mich aus schüchternen Augen an und lächeln.

Der Bauer aus Meknès mit seinen verkrüppelten Armen, der uns zu seinem Hof führt, uns frische Milch abfüllt und kein Geld dafür haben will. Stattdessen lädt er uns zum Abendessen ein. Auch er hat wenig.

Lautet die Moral von der Geschicht‘, dass Menschen mit weniger Geld einfach glücklicher sind? Dies ist gut möglich. Doch auch besser situierte Menschen sind bereit zu geben. Da sind Adel und Abdelrhani aus Tarmigte, Ouarzazate, die uns bei ihnen übernachten lassen und uns zum Essen einladen. Da sind die Beamten aus der Kommune Agdz, die uns trotz Ramadan und großer Hitze ein offenes Ohr schenken. Nicht uneigennützig und dennoch warmherzig. Und da ist M’hamed, unser neues Vereinsmitglied aus Casablanca. Er hat uns die letzten zweieinhalb Wochen begleitet. Seine Familie nahm uns überall gastfreundlich auf und hörte uns zu. Seine Vision für den Verein ist groß, seine Erwartungen auch. Daher spricht er äußerst kritische Töne an Dindum aus. Um den Verein weiterzubringen. Er macht es sich nicht leicht, und uns auch nicht. Wir haben gestritten und diskutiert. Über den Kulturunterschied. Über die verschiedenen Religionen. Über Philosophie. Über die Grenzen der Freiheit. Und die Freiheit ohne Grenzen. Verschiedenheiten und Reibungen gehören zur Weiterentwicklung dazu. Sie ermöglichen uns eine größere Tiefe, regen zum Nachdenken an. Auch das gehört zur KulturKommunikation.

Ich bin dankbar für die Erfahrungen der letzten zweieinhalb Wochen. Manfred, M’hamed und ich haben auf unserer Reise viele Kontakte für Dindum geknüpft, viele Gespräche geführt. Was machen wir nun damit? Das große Ziel ist die Weiterentwicklung der interkulturellen Freundschaft zwischen Marokko und Deutschland. Wie entwickeln wir sie weiter? Im Ausbau der „Atlas-Werkstätten“, gemeinsam mit marokkanischen und deutschen Handwerkern und Arbeitern. In der Fortführung des „Rendezvous de la Musique“, mit internationalen und lokalen Künstlern. Und in der Fortsetzung des „Rendezvous der Nachhaltigkeit“, in dem sich marokkanische und deutsche Akteure an einen Tisch setzen.

Marokko ist ein wunderbares Land mit vielen Facetten. Es gibt viel zu erfahren, über die Kultur, und über sich selbst, vor allem viel Nächstenliebe. Ich bin froh, einen solch tiefen Einblick in dieses Land gewährt zu bekommen, seine Schönheit in der Vielfalt der Landschaft, in der Vielfalt der Menschen zu entdecken und nicht als Kurztriptourist im Röckchen in Marrakech gefangen zu sein. Wir sind auf einem guten Weg. Safi, Chokran.

(Nadja Michels)

Ein Gedanke zu „Am Flughafen Marrakech…

  1. Hallo liebe Nadja,

    welch klare Beobachtungen die du geschrieben hast. Aus deinem Inneren gefühlt. Ich habe die selbe Erfahrung auf dem Flughafen gemacht. Kurze Röcke, schicke Sandalen und jede Menge Sonnenöl. Es ist schön zu beobachten das andere auf der selben Wellenlänge fühlen und handeln. Du zeigst mir, das ich den richtigen Weg gehe und das gibt mir viel Kraft für die Zukunft. Die werden wir brauchen um unser Nischen- Projekt weiterhin mit Leben zu füllen.

    Doch wollen wir unsere Kraft nicht alleine aus dieser Misere des Kurzzeit- und Konsum- Tourismus ziehen. Doch ist ein Vergleich hier sicherlich angebracht um Mut zu schöpfen und suchenden Menschen eine Möglichkeit zu geben anders zu handeln.
    Danke dir,
    Manfred Fahnert

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